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Die Engländer In Bordighera

Die Engländer In Bordighera

DIE ANFÄNGE


Gegen Ende des 19. Jhd. waren es mehr als 3000 Engländer, die in Hotels oder Villen in und um Bordighera zeitweise, also im Winterurlaub, oder ganzjährig lebten. Die Einwohner des Dorfes Bordighera selbst dagegen machten lediglich ca. 2000 Personen aus. Diese “Kolonisationswelle” von englischen Touristen der teilweise wohlhabendsten und einflußreichsten Familien Englands wurde vor allem durch die Herausgabe des Romans “Il Dottor Antonio” von Giovanni Ruffini 1885 in Edinburg ausgelöst. Von Cannes bis Alassio stellte sich in dieser Periode an der Riviera bzw. Cote d´Azur ein reger Tourismus ein.

DIE ENGLÄNDER ENTDECKEN BORDIGHERA


Dank seiner unberührten Palmen- und Olivenhaine, aber auch seines unvergleichlichen milden Mikroklimas willen wurde Bordighera bald zum beliebten Reiseziel und begann den bisherigen Favoriten Nizza und Menton Konkurrenz zu machen. Man schätzt, dass die Altstadt von Bordighera damals von etwa 50.000 Olivenbäumen und 20.000 Palmen umgeben war, deren Bestand sich größtenteils wegen Baus neuer Verbindungsstraßen und Wohnhäusern verringerte.Die schönsten Palmen wurden an andere Städte verkauft.

DIE ENGLÄNDER UND IHRE GEMEINDE


Die Engländer bildeten bald eine kleine Gemeinde in typisch englischem Stil. Sie richteten Banken, Argenturen, Geschäfte, Kulturzentren und ein Theater (die Victoria Hall) ein und bauten sich eine eigene Kirche (Chiesa Anglicana). Sogar ein Wochenblatt, natürlich in englischer Sprache, wurde herausgegeben. Diese Verwandlung verlieh Bordighera einen eleganten, elitären Charme, der bald sogar Touristen aus anderen Nationen anlockte.

DAS ARCHITEKTONISCHEN ERBE


Heute, ein Jahrhundert später, sind noch viele Gebäude aus der `englischen Epoche´ erhalten und tragen durch ihre Präsenz dazu bei, die kulturelle Tradition bis in unsere Zeit hinein zu bewahren. Dazu gehören das Bicknell Museum und die Bibliothek, aber auch Parkanlagen, von Engländern eingerichtet und bepflanzt. An dieser Stelle sind auch der Tennis Club – damals der erste Tennis Club Italiens mit über 20 Spielfeldern! (die nach dem Krieg allerdings reduziert wurden) – und der Bridge Club, noch heute aktiv, zu nennen.

ZUR PERSON CLARENCE BICKNELL


Aus dieser `englischen Periode´ Bordigheras ist sicherlich Clarence Bicknell die herausragendste Persönlichkeit. Clarence Bicknell war protestantischer Pastor von Bordighera, bis er diese Tätigleit aufgab, um sich anderen Studien zu widmen, wie unter anderem der, der Aquarellmalerei. Er war Unterstützer der Esperanto-Sprache, geschätzter Botaniker und unermüdlicher Wander und Entdecker. So entdeckte er die Gravuren aus der Steinzeit beim Monte Bego in den maritimen Alpen. Er gründete im Jahr 1888 das erste Museum in Westligurien, das noch heute seinen Namen trägt. Clarence Bicknell trug in dem architektonisch interessanten Gebäude – einem Mix aus englischem und mediteranem Stil – seine naturalistischen Sammlungen und Fünde zusammen. Die Fundstücke gab er dann meist an die jeweiligen Museen zurück, in deren Zuständigkeit das Gebiet des Fundortes fiel. Er gab außerdem zwei wichtige Bücher über die lokale Flora und mehrere Aufsätze über die prähistorischen Gravuren des Monte Bego heraus – das letzte erschien im Jahr 1913.

DIE ERBEN DES CLARENCE BICKNELL


Nach seinem Tod im Jahr 1918 betreuten sein Neffe Edwaed Elhanan Berry und seine Nichte Margaret Serecold Berry die Einrichtung. Sie förderten kunstgeschichtliche Studien und veröffentlichten den Führer “ Am Westlichen Tor Italiens”. Der bevorstehende politische Konflikt und die schwerwiegenden sozialpolitischen Umwälzungen in Europas hatten auch das reiche Britische Imperium getroffen, und somit auch die Engländer in Bordighera. Nach und nach verließen fast alle hier ansäßigen britischen Familien erst zeitweise, dann endgültig die Stadt und für Bordighera ging eine `goldene Epoche´ zu Ende.

DAS INTERNATIONALE INSTITUT FÜR LIGURISCHE STUDIEN UND DAS MUSEUM BICKNELL


Es blieben jedoch die Werke, es blieb auch der unverkennbare englische Stil in Bordighera, der sicher mehr assimiliert wurde, als sich der Einzelne vielleicht bewußt ist. Nach einigen Überlegungen wurde das Bicknell Museum der Sitz des Vereins für Vaterländische Geschichte, erst später dann wurde hier das Institut für Ligurische Studien eingerichtet. Heute ist das Institut sehr aktiv und gilt als Forschungsstätte für die Fakultät Archeologie. Es ist immer noch die wichtigste Einrichtung der Region für die Pflege und Erschließung des archeologischen, künstlerischen, geschichtlichen und naturwissenschaftlichen Kulturerbes Liguriens, aber vor allem soll es hier dem Interessierten zugänglich sein.

DIE BIBLIOTHEK


Die Stadtbibliothek ist Anziehungspunkt für Leser jeden Alters und Interesse. Sie ist aber auch Treffpunkt für die Förderung kultureller Ereignisse und deren Promotion in Bordighera. Der Bestand der englischen Bücher wurde katalogisiert und elektronisch auf CD-ROM erfasst, so dass jetzt auch eine Online-Suche möglich ist. Die Bibliothek organisiert Konferenzen, Konzerte, Debatten und Aufführungen. Sie hat einen großen Kreis von leidenschaftlichen Nutzern und Unterstützern, die 1999 mehr als 4000 Mitglieder ausmachten. Der Geist der verflossenen englischen Periode, von Erneuerung und Elevation durch Kultur, setzt sich auch heute noch in der aktiven Teilnehmerschaft der Besucher dieser Einrichtung fort.

DIE UMFANGREICHE HINTERLASSENSCHAFT BICKNELLS


Nachdem hier nun die wichtigsten englischen Aktivitäten und Einrichtungen der vorletzten Jahrhundertwende in Bordighera vorgestellt worden sind, muss weiteren nicht weniger wichtigen zahlreichen Werke und vor allem Persönlichkeiten ein Platz eingeräumt werden, die zu Bordighera eine besondere Zuneigung fassten und diese in konkreten Beiträgen zum kulturellen Leben ausdrückten. Unter den vielen soll hier Fredric Fitzroy Hamilton, Autor des einflussreichen Buches “Bordighera and the Western Riviera” und bedeutender Geschichts- und Naturforscher genannt werden. Er bearbeitete vergessene Dokumente aus den Jahren 1470-71, die von der Gründung “Burdighetas” berichten. An dieser Stelle muss außerdem Mr. Lowe erwähnt werden, dem wir eine der schönsten und größten Parkanlagen Bordigheras verdanken, in der hundertjährigen Ulivenbäume wachsen. Auch diese Grünanlage ist Ort von verschiedensten kulturellen Zusammentreffen.

EINE BEDEUTENDE ERBSCHAFT


Aus diesen und vielen anderen vergessenen oder verblichenen Fakten und Episoden ist das heutige moderne Bordighera erwachsen. Seine Tradition hat sowohl in touristischer als auch in kultureller Hinsicht immer eine unverkennbar britische Prägung. Diesem Einfluß hat Bordighera seinen Charme und den daraus resultierenden Erfolg zu verdanken.

(Übersetzung von Sonia Goerlich)